Frau, Mann und andere Katastrophen

Mai 10, 2008 - 2 Responses

 Ja, ich bekenne mich dazu, ich bin geständiger Voyeur. Nicht, was Sie jetzt denken. Ich stehe nicht nachts vor fremden Fenstern, um gewisse Szenen zu beobachten. Lieber sitze ich tagsüber in einem Zug und belausche die Gespräche fremder Menschen. Meine jahrelangen Erfahrungen haben eines gezeigt: Frauen reden über Beziehungen. Männer reden über Dinge.

„Ich glaube, er ist bi. Jedenfalls findet er Brad Pitt cool, wenn wir uns einen Film ansehen.“ Ein junges Mädel im Bus.

„Er hat mich die ganze Zeit nie gefragt, ob ich mitkomme. Am Dienstag bin ich den ganzen Tag allein zu Hause gesessen, er hat auf keine SMS geantwortet. Erst um 23 Uhr hat er mir geschrieben, er sei am Pokern gewesen.“ Ebenfalls eine junge Frau, diesmal im Zug.

Frauen reden über Beziehungen. Manchmal über die Ernährung, manchmal über Schönheitstipps oder über ihre Arbeit, aber meiner Erfahrung nach dominieren Beziehungen. Ich halte dies in einem gewissen Ausmass für sinnvoll, es dient dem Stressabbau und dem Lösen aktueller Konflikte. Aber leider liegt es nicht in der menschlichen Natur, sich zu mässigen. Bei Gesprächen, die in einem privateren Rahmen stattfinden (und die ich bisher zum Glück selten belauschen musste), wandelt sich das Thema „Beziehungen“ zu simplem, aber überaus zynischem Klatsch. Da endet das weibliche Einfühlungsvermögen und zum Vorschein kommt eine überaus rachsüchtige und gehässige Seite der fraulichen Natur.

Männer reden über Autos. Über Computer. Über Fussball. Über das neuste Spielzeug. Über Sachfragen eben. Sie erfüllen auf ebenso grausame Weise ihr Klischee. Die Themen mögen vielfältiger wirken, aber in Wirklichkeit dienen sie nur einem Zweck: Ich bin. Ich habe. Ich kann. Der Mann im Nebenabteil will sich fünf Jahre Zeit nehmen, um seinen alten Opel (einen Oldtimer) auf Vordermann zu bringen. Er mag es nüchtern vortragen, aber ein gewisser prüfender Blick, ob denn der andere ihm den genügenden Respekt für dieses Unternehmen zollt – ja, dieser Blick ist nicht zu übersehen. Ein anderer berichtet, als Schiedsrichter der ersten Liga müsse man immer auf Abruf bereit sein – in der zweiten Liga hätte man bloss die beiden regelmässigen Spiele in der Woche. Er erzählt es mit einer Lässigkeit, dass man ihn bereits rauchend an einen Pfosten gelehnt sieht, die Sonnenbrille auf der Nasenspitze hängend.

Jaja, wir sind schon so in diese Denkrinnen eingefahren… Wir können gar nicht mehr anders, als all die üblen Klischees zu erfüllen. Ich höre mir gern die Beziehungsprobleme von Frauen an, spreche mit ihnen über Schönheitstipps, höre mir sogar die giftigen Bemerkungen über ihre Geschlechtsgenossinnen an. Das bereichert die eigene Lebenswelt. Aber ich bin enttäuscht, wenn ich im Gegenzug versuche, ein technisches Thema anzuschneiden – und die Dame zeigt keinerlei Interesse. Haben wir uns vom kreativen Forscherdrang tatsächlich so weit entfernt?

Wenn das tatsächlich so ist und so bleiben sollte, sehe ich für unsere Zukunft schwarz. Die Menschheit wird aussterben. Nicht wegen Umweltkatastrophen oder sonstigen Untergangsszenarien, die sich so wunderbar für Katastrophenfilme eignen.

Aus Langeweile.

Leben TV

Mai 4, 2008 - No Responses

Da treffe ich kürzlich Frankie, einen koffeinsüchtigen 12-Stunden-Dauerfernsehmensch. Er erklärt mir, weshalb die Flimmerkiste so wertvoll für unser Leben ist. „Ich habe daraus viel für mein Leben gelernt“, sagt er und ist plötzlich von einer philosophischen Aura umgeben. „Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass Männer unmöglich treu sein können. Das ist wissenschaftlich erwiesen, wissen Sie?“

Um dem ganzen noch eins oben drauf zu setzen, schaut mich der Verkäufer im Elektrohandel ungläubig an, als ich beiläufig erzähle: „Ich habe meinen Fernseher vor fünf Jahren weggeworfen.“ Einen Moment ist er geradezu sprachlos. Dann meint er: „Ohne Fernseher könnte ich nicht mehr leben!“

Das war Anlass genug, mich einmal über die Tugend des Fern-Sehens auszulassen.

Wer nicht mehr ohne etwas leben kann, ist süchtig. Entzugserscheinungen wie schlechte Laune und Langeweile sind also nur eine logische Folge davon. Abgesehen davon sollte ohnehin klar sein, dass Fernsehen eine nutzlose Tätigkeit ist.

Ich sehe nicht fern, ich habe Hobbys“, erwidere ich solchen Leuten wie dem Verkäufer. Fernsehen ist ein Leben zweiter Klasse. Sie mögen in der ersten Reihe sitzen, vielleicht besitzen Sie ein HDTV-fähiges Gerät. Vielleicht besitzen Sie sogar einen Flachbildfernseher, der noch grösser ist als Ihre Stereoanlage. Aber das verhindert nicht, dass Sie das Geschehen durch ein Stück Glas betrachten. Da verschwenden wir pro Woche vierzehn Stunden damit, anderen beim Leben zuzusehen – nur, damit wir uns schläfrig fühlen, damit wir Kopfschmerzen und ein latent vorhandenes schlechtes Gewissen haben. Die negativen Konsequenzen eines „virtuellen“ Lebens.

Ich bevorzuge eine „reale“ Umgebung: Die Menschen in meinem Alltag sind verrückt, verschroben, ausgefallen, auf neudeutsch: authentisch. Sie räkeln sich nicht vor der Kamera, um möglichst lange „drin“ zu bleiben. Ich rieche Schweiss, ich zittere vor Kälte, ich unterhalte mich mit einem Maler über seine abenteuerreiche Vergangenheit und ich giesse meine Pflanzen. Das ist Realität. Das ist das wirkliche Leben.

Wissen Sie, was mein Alptraum ist? Mein Alptraum ist, dass eines Tages meine Enkel mich fragen: „Du, Opa, was hast du dein ganzes Leben so gemacht?“ Und ich müsste antworten: „Ach, ich hab viel ferngesehen und ich bin jeden Tag brav zur Arbeit gegangen.“ Dafür sind mir die achtzig oder neunzig Lebensjahre auf dieser Erde zu schade. Es gibt so vieles zu entdecken, zu erleben – aber vielleicht gibt es ja einige unter Ihnen, die an eine Wiedergeburt glauben. Die können dann im nächsten Leben die Zeit nutzen. Die Frage ist nur, ob sie noch einmal die Chance haben, als Mensch zu leben…

Und viele Dokumentationen schauen, ja?“, ruft mir Frankie hinterher, als er geht. Ich nicke, aber in Gedanken bin ich schon bei heute Abend, wenn ich das erste Mal Sushi probieren werde. Vielleicht wird es eine grauenvolle Erfahrung. Vielleicht entdecke ich aber auch eine neue, wundervolle Leibspeise.

 

Und übrigens: Männer können treu sein. Aber das spare ich mir für einen neuen Artikel auf.

Die Musterschülerin

April 29, 2008 - No Responses

Achtung, der folgende Artikel kann Zynismus enthalten. Personen unter 18 Jahren oder zart besaitete Menschen sollten sich den folgenden Aussagen nicht aussetzen, um extreme Reaktionen ihrerseits zu vermeiden…

 

Manche Menschen müssen ja zu allem ihren Senf geben. Das mag sehr unterhaltsam sein, wenn diese Meinung ein Minimum an Gehalt und Sinnhaftigkeit besitzt. Aber Frau Melinda Musterschülers (*Name geändert) Senf ist von solch wässriger Konsistenz, dass er einen mehr an gewisse Ausscheidungsprodukte erinnert, die im Alltag genauso gerne “erzählt” werden – aber lassen wir das.

Frau Musterschüler wohnte einer Produkteschulung bei, bei der ich als Zaungast eingeladen worden war. Mein erster Eindruck von ihr war ein grüner Strickpullover, der unter der eleganten Kleidung ihrer KollegInnen eher deplatziert wirkte. Vermutlich selbst gestrickt.

Danach machte Frau Musterschüler ihrem Namen alle Ehre, indem sie jeden fünften Satz ihres Vorgesetzten mit kräftigem Kopfnicken und einem laut hörbaren „Ja, genau!“ bestätigte. Und natürlich fand sie das Verhalten gewisser KollegInnen genauso unmöglich wie der Chef – wobei man natürlich davon ausgehen musste, dass sie selbst dieses Verhalten niemals an den Tag legen würde. Die etwas erstaunten Blicke ihres Chefs entgingen ihr vermutlich…

Bei der anschliessenden Diskussion fiel Frau Musterschüler sowohl als regelkonforme Mustermitarbeiterin auf als auch als eifrige Optimistin mit inhaltsreichen Sätzen wie „Das kriegen wir schon irgendwie hin!“

Bis hierhin hatte sie es geschafft, die (tödlichen) Blicke ihrer KollegInnen zu übersehen. Auch die Bemerkung der Dame vor mir überhörte sie, die meinte: „Wenn die noch einmal etwas sagt, haue ich ihr die Flasche über den Kopf.“ Leider setzte sie diese durchaus überlegenswerte Idee nicht in Tat um.

Vergliche man nun den Strickpullover von Frau Mustermann mit ihrem Einsichtsvermögen, so sähe man wohl einige Laufmaschen darin, die in dem Strickmuster nicht vorgesehen waren. Das sollte sich in den nächsten Minuten als Tatsache erweisen.

Als ihr Vorgesetzter nämlich auf ein wichtiges Formular hinwies, liess es sich Frau Mustermann nicht nehmen, sich lautstark zu erkundigen, was das denn für ein Formular sein sollte.

„Das haben wir schon seit einem Jahr“, meinte ihr Vorgesetzter lakonisch und hielt ihr das Formular vor die Nase.

Sie beteuerte, sie hätte dieses Formular noch nie gesehen. Und schwieg.

Leider hielt das Schweigen von Frau Mustermann nur zwei Minuten an, bis sie wieder ihren Senf austeilte. Wässrige Konsistenz.

Sehr wässrige Konsistenz.

 

Und die Moral von der Geschicht: Anstand hat man – oder nicht?

Geld macht glücklich

April 21, 2008 - No Responses

 Vielleicht ist dieser Anfang ein wenig philosophisch, aber Herr Heinemann hat einen Abend lang meine Inspiration beflügelt…

„Ich bin Siggi Heinemann und Geld macht mich richtig glücklich. Ich sehe mir jeden Tag meinen Kontoauszug an und mit Genuss betrachte ich die Formen und Rundungen der Zahlen. Ausserdem habe ich immer ein paar grosse Scheine in der Brieftasche, die mich an meinen Reichtum erinnern.

Ob ich mir etwas davon leiste? Das fragen Sie wohl nicht im Ernst! Natürlich leistet man sich davon einiges. Ich hab mir erst kürzlich das neuste Modell von Porsche gekauft und natürlich trage ich immer meine Rolex am Handgelenk – als Glücksbringer, sozusagen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und nächstes Jahr werde ich mir endlich eine Yacht leisten können! Ich werde zwar mein Arbeitspensum ein wenig erhöhen müssen, aber das schaffe ich locker. Mein Arzt hat mir einen Herzinfarkt prophezeit, aber mal im Ernst: Wer glaubt schon diesen Quacksalbern? Nein, ich freue mich riesig, wenn ich die erste Party auf meiner eigenen Yacht steigen lassen kann! Veronika, meine Freundin, wird auch dabei sein. Sie ist erst zwanzig und sieht einfach toll aus – sieht aus, als wäre sie meinem unwiderstehlichen Charme erlegen.“

Siggi Heinemann ist ein klassisches Beispiel für einen neuzeitlichen Menschen des Typus „Argentus“. Er arbeitet wie ein Besessener, um Geld anzuhäufen. Was er hat, ist ihm nicht genug. Wie ein pawlow’scher Hund sabbert er nach dem neusten Porsche-Modell, nach der Yacht. Er sabbert danach, weil er hofft, dass es irgendwann genug sein wird und er dann unbeschwert seinen Reichtum geniessen kann.

Spinnen wir die Geschichte ein wenig weiter. Siggi Heinemann sitzt im Rollstuhl, weil sein Arzt natürlich kein Quacksalber ist und der Herzinfarkt einen irreparablen Hirnschaden verursacht hat. Seine linke Seite ist für den Rest des Lebens gelähmt, er trägt fortan Windeln, weil er seinen Harnfluss nicht mehr steuern kann.

Zum Glück kann er sich eine Privatkrankenschwester leisten. Zum Glück kann er sich die teuren Reisen leisten – trotz seiner Behinderung. Zum Glück kann er sich einen Chauffeur für seinen Porsche leisten. Er ist zwar allein, weil er auf den Cocktailpartys der Jet-Set-Leute keine besonders gute Figur macht. Zu sehr hält er ihnen einen Spiegel vor, was ihnen selbst bald passieren könnte. Siggi Heinemann ist verbittert, allein und ihm ist stinklangweilig. Er hatte nie Zeit für ein Hobby. Und das Reisen bringt zwar ein wenig Abwechslung in sein Leben, ist aber auch nicht mehr so aufregend wie früher – er kennt ja schon alles.

An seiner Beerdigung werden der Pfarrer und ein Bestatter anwesend sein, zusätzlich vier Sargträger. Vielleicht kommen noch seine Kinder – sofern er Zeit hatte, welche zu zeugen – die sich so laut um sein Erbe streiten, dass der Pfarrer während der Trauerfeier um Ruhe bitten muss. Vielleicht kommt seine Freundin Veronika. Schliesslich hatte er ihr einen nicht unbeträchtlichen Anteil an seinem Erbe versprochen.

Aber Hauptsache, er hatte Geld, nicht wahr?

Die Verführung

April 17, 2008 - No Responses

Ich bin Christian Weidel, 32 Jahre alt. Ich wohne irgendwo im Raum Zürich, aber wo genau, sage ich nicht. Ja, ich wohne alleine in einer modern eingerichteten Wohnung – damit bleibt die Hoffnung für all diejenigen Frauen, die schon immer mal sehen wollten, ob eine Berühmtheit auf sie abfährt. (Kleiner Hinweis für die Frauen, die gerne träumen: Ich bin ein dunkler Typ mit graublauen Augen und ich wiege nicht 130kg.) Zu meinem Beruf: Ich bin Unternehmer. Branche verrate ich noch nicht – irgendwann vielleicht. Und ich fange bestimmt nicht mit dem bloggen an, weil ich mich gelangweilt in meinem Chefsessel lümmle und darauf warte, dass meine Sekretärin mit einem wichtigen Papier daher gerannt kommt, damit ich darauf unterschreibe. Ich liebe meinen Job. Ich arbeite in meinem Job.

Das Bloggen ist ein (neues) Hobby. Es ergänzt sich wunderbar mit meinem anderen Hobby: Ich bin Hominiden- und Agierendenforscher. Falls Sie nicht wissen, was das ist, werden Sie es bestimmt in den nächsten Tagen, Wochen oder spätestens nach ein paar Jahren herausfinden – sofern Sie fleissig meinen Blog lesen. (Und ja, es heisst wirklich Hominiden, die sogenannten „Humanoiden“ sind eine Erfindung von Star Trek & Co.)

Jedenfalls habe ich beschlossen, die Erkenntnisse meiner Forschertätigkeit nieder zu schreiben. Ich werde jedoch nicht nur Ergebnisse auf den Tisch legen, sondern Sie bei einigen merkwürdigen Phänomenen um Ihre Meinung bitten. Ich bin schliesslich nicht allwissend – ausserdem ist Forschen nur mein Hobby. Mir fehlt der staubbedeckte Hintergrund eines Wissenschaftlers, ich trage keine Brille und ich habe auch keinen weissen Kittel. Daher müssten Sie verstehen können, weshalb ich meine Erleuchtungen auf populärwissenschaftliche Weise präsentieren möchte. Ich kann gar nicht anders.

Jetzt wissen Sie alles über mich. Fast alles. Ich denke, das reicht als erste Verführung… äh, Einführung. Obwohl, der Begriff ist gar nicht so schlecht. Ich hoffe wirklich, dass sie sich in nächster Zeit dazu verführt fühlen werden, mein Blog zu lesen. Ich übernehme keine Haftung für die Konsequenzen und Nebenwirkungen meiner Texte. Sollten Sie es nicht mehr aushalten, bis ich den nächsten Artikel veröffentliche, schlucken Sie… ein Pfefferminzbonbon. Das kühlt ab. Sollten Sie auf härtere Sachen zurückgreifen und sich mit einer Tüte Chips und sechs Tafeln Schokolade ersatz-befriedigen, lehne ich jegliche Verantwortung ab.

Mit friedlichen Grüssen 

Christian Weidel