Geld macht glücklich

 Vielleicht ist dieser Anfang ein wenig philosophisch, aber Herr Heinemann hat einen Abend lang meine Inspiration beflügelt…

„Ich bin Siggi Heinemann und Geld macht mich richtig glücklich. Ich sehe mir jeden Tag meinen Kontoauszug an und mit Genuss betrachte ich die Formen und Rundungen der Zahlen. Ausserdem habe ich immer ein paar grosse Scheine in der Brieftasche, die mich an meinen Reichtum erinnern.

Ob ich mir etwas davon leiste? Das fragen Sie wohl nicht im Ernst! Natürlich leistet man sich davon einiges. Ich hab mir erst kürzlich das neuste Modell von Porsche gekauft und natürlich trage ich immer meine Rolex am Handgelenk – als Glücksbringer, sozusagen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Und nächstes Jahr werde ich mir endlich eine Yacht leisten können! Ich werde zwar mein Arbeitspensum ein wenig erhöhen müssen, aber das schaffe ich locker. Mein Arzt hat mir einen Herzinfarkt prophezeit, aber mal im Ernst: Wer glaubt schon diesen Quacksalbern? Nein, ich freue mich riesig, wenn ich die erste Party auf meiner eigenen Yacht steigen lassen kann! Veronika, meine Freundin, wird auch dabei sein. Sie ist erst zwanzig und sieht einfach toll aus – sieht aus, als wäre sie meinem unwiderstehlichen Charme erlegen.“

Siggi Heinemann ist ein klassisches Beispiel für einen neuzeitlichen Menschen des Typus „Argentus“. Er arbeitet wie ein Besessener, um Geld anzuhäufen. Was er hat, ist ihm nicht genug. Wie ein pawlow’scher Hund sabbert er nach dem neusten Porsche-Modell, nach der Yacht. Er sabbert danach, weil er hofft, dass es irgendwann genug sein wird und er dann unbeschwert seinen Reichtum geniessen kann.

Spinnen wir die Geschichte ein wenig weiter. Siggi Heinemann sitzt im Rollstuhl, weil sein Arzt natürlich kein Quacksalber ist und der Herzinfarkt einen irreparablen Hirnschaden verursacht hat. Seine linke Seite ist für den Rest des Lebens gelähmt, er trägt fortan Windeln, weil er seinen Harnfluss nicht mehr steuern kann.

Zum Glück kann er sich eine Privatkrankenschwester leisten. Zum Glück kann er sich die teuren Reisen leisten – trotz seiner Behinderung. Zum Glück kann er sich einen Chauffeur für seinen Porsche leisten. Er ist zwar allein, weil er auf den Cocktailpartys der Jet-Set-Leute keine besonders gute Figur macht. Zu sehr hält er ihnen einen Spiegel vor, was ihnen selbst bald passieren könnte. Siggi Heinemann ist verbittert, allein und ihm ist stinklangweilig. Er hatte nie Zeit für ein Hobby. Und das Reisen bringt zwar ein wenig Abwechslung in sein Leben, ist aber auch nicht mehr so aufregend wie früher – er kennt ja schon alles.

An seiner Beerdigung werden der Pfarrer und ein Bestatter anwesend sein, zusätzlich vier Sargträger. Vielleicht kommen noch seine Kinder – sofern er Zeit hatte, welche zu zeugen – die sich so laut um sein Erbe streiten, dass der Pfarrer während der Trauerfeier um Ruhe bitten muss. Vielleicht kommt seine Freundin Veronika. Schliesslich hatte er ihr einen nicht unbeträchtlichen Anteil an seinem Erbe versprochen.

Aber Hauptsache, er hatte Geld, nicht wahr?

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