Die Musterschülerin

Achtung, der folgende Artikel kann Zynismus enthalten. Personen unter 18 Jahren oder zart besaitete Menschen sollten sich den folgenden Aussagen nicht aussetzen, um extreme Reaktionen ihrerseits zu vermeiden…

 

Manche Menschen müssen ja zu allem ihren Senf geben. Das mag sehr unterhaltsam sein, wenn diese Meinung ein Minimum an Gehalt und Sinnhaftigkeit besitzt. Aber Frau Melinda Musterschülers (*Name geändert) Senf ist von solch wässriger Konsistenz, dass er einen mehr an gewisse Ausscheidungsprodukte erinnert, die im Alltag genauso gerne “erzählt” werden – aber lassen wir das.

Frau Musterschüler wohnte einer Produkteschulung bei, bei der ich als Zaungast eingeladen worden war. Mein erster Eindruck von ihr war ein grüner Strickpullover, der unter der eleganten Kleidung ihrer KollegInnen eher deplatziert wirkte. Vermutlich selbst gestrickt.

Danach machte Frau Musterschüler ihrem Namen alle Ehre, indem sie jeden fünften Satz ihres Vorgesetzten mit kräftigem Kopfnicken und einem laut hörbaren „Ja, genau!“ bestätigte. Und natürlich fand sie das Verhalten gewisser KollegInnen genauso unmöglich wie der Chef – wobei man natürlich davon ausgehen musste, dass sie selbst dieses Verhalten niemals an den Tag legen würde. Die etwas erstaunten Blicke ihres Chefs entgingen ihr vermutlich…

Bei der anschliessenden Diskussion fiel Frau Musterschüler sowohl als regelkonforme Mustermitarbeiterin auf als auch als eifrige Optimistin mit inhaltsreichen Sätzen wie „Das kriegen wir schon irgendwie hin!“

Bis hierhin hatte sie es geschafft, die (tödlichen) Blicke ihrer KollegInnen zu übersehen. Auch die Bemerkung der Dame vor mir überhörte sie, die meinte: „Wenn die noch einmal etwas sagt, haue ich ihr die Flasche über den Kopf.“ Leider setzte sie diese durchaus überlegenswerte Idee nicht in Tat um.

Vergliche man nun den Strickpullover von Frau Mustermann mit ihrem Einsichtsvermögen, so sähe man wohl einige Laufmaschen darin, die in dem Strickmuster nicht vorgesehen waren. Das sollte sich in den nächsten Minuten als Tatsache erweisen.

Als ihr Vorgesetzter nämlich auf ein wichtiges Formular hinwies, liess es sich Frau Mustermann nicht nehmen, sich lautstark zu erkundigen, was das denn für ein Formular sein sollte.

„Das haben wir schon seit einem Jahr“, meinte ihr Vorgesetzter lakonisch und hielt ihr das Formular vor die Nase.

Sie beteuerte, sie hätte dieses Formular noch nie gesehen. Und schwieg.

Leider hielt das Schweigen von Frau Mustermann nur zwei Minuten an, bis sie wieder ihren Senf austeilte. Wässrige Konsistenz.

Sehr wässrige Konsistenz.

 

Und die Moral von der Geschicht: Anstand hat man – oder nicht?

Eine Antwort hinterlassen