Leben TV

Da treffe ich kürzlich Frankie, einen koffeinsüchtigen 12-Stunden-Dauerfernsehmensch. Er erklärt mir, weshalb die Flimmerkiste so wertvoll für unser Leben ist. „Ich habe daraus viel für mein Leben gelernt“, sagt er und ist plötzlich von einer philosophischen Aura umgeben. „Zum Beispiel weiss ich jetzt, dass Männer unmöglich treu sein können. Das ist wissenschaftlich erwiesen, wissen Sie?“

Um dem ganzen noch eins oben drauf zu setzen, schaut mich der Verkäufer im Elektrohandel ungläubig an, als ich beiläufig erzähle: „Ich habe meinen Fernseher vor fünf Jahren weggeworfen.“ Einen Moment ist er geradezu sprachlos. Dann meint er: „Ohne Fernseher könnte ich nicht mehr leben!“

Das war Anlass genug, mich einmal über die Tugend des Fern-Sehens auszulassen.

Wer nicht mehr ohne etwas leben kann, ist süchtig. Entzugserscheinungen wie schlechte Laune und Langeweile sind also nur eine logische Folge davon. Abgesehen davon sollte ohnehin klar sein, dass Fernsehen eine nutzlose Tätigkeit ist.

Ich sehe nicht fern, ich habe Hobbys“, erwidere ich solchen Leuten wie dem Verkäufer. Fernsehen ist ein Leben zweiter Klasse. Sie mögen in der ersten Reihe sitzen, vielleicht besitzen Sie ein HDTV-fähiges Gerät. Vielleicht besitzen Sie sogar einen Flachbildfernseher, der noch grösser ist als Ihre Stereoanlage. Aber das verhindert nicht, dass Sie das Geschehen durch ein Stück Glas betrachten. Da verschwenden wir pro Woche vierzehn Stunden damit, anderen beim Leben zuzusehen – nur, damit wir uns schläfrig fühlen, damit wir Kopfschmerzen und ein latent vorhandenes schlechtes Gewissen haben. Die negativen Konsequenzen eines „virtuellen“ Lebens.

Ich bevorzuge eine „reale“ Umgebung: Die Menschen in meinem Alltag sind verrückt, verschroben, ausgefallen, auf neudeutsch: authentisch. Sie räkeln sich nicht vor der Kamera, um möglichst lange „drin“ zu bleiben. Ich rieche Schweiss, ich zittere vor Kälte, ich unterhalte mich mit einem Maler über seine abenteuerreiche Vergangenheit und ich giesse meine Pflanzen. Das ist Realität. Das ist das wirkliche Leben.

Wissen Sie, was mein Alptraum ist? Mein Alptraum ist, dass eines Tages meine Enkel mich fragen: „Du, Opa, was hast du dein ganzes Leben so gemacht?“ Und ich müsste antworten: „Ach, ich hab viel ferngesehen und ich bin jeden Tag brav zur Arbeit gegangen.“ Dafür sind mir die achtzig oder neunzig Lebensjahre auf dieser Erde zu schade. Es gibt so vieles zu entdecken, zu erleben – aber vielleicht gibt es ja einige unter Ihnen, die an eine Wiedergeburt glauben. Die können dann im nächsten Leben die Zeit nutzen. Die Frage ist nur, ob sie noch einmal die Chance haben, als Mensch zu leben…

Und viele Dokumentationen schauen, ja?“, ruft mir Frankie hinterher, als er geht. Ich nicke, aber in Gedanken bin ich schon bei heute Abend, wenn ich das erste Mal Sushi probieren werde. Vielleicht wird es eine grauenvolle Erfahrung. Vielleicht entdecke ich aber auch eine neue, wundervolle Leibspeise.

 

Und übrigens: Männer können treu sein. Aber das spare ich mir für einen neuen Artikel auf.

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