Frau, Mann und andere Katastrophen

 Ja, ich bekenne mich dazu, ich bin geständiger Voyeur. Nicht, was Sie jetzt denken. Ich stehe nicht nachts vor fremden Fenstern, um gewisse Szenen zu beobachten. Lieber sitze ich tagsüber in einem Zug und belausche die Gespräche fremder Menschen. Meine jahrelangen Erfahrungen haben eines gezeigt: Frauen reden über Beziehungen. Männer reden über Dinge.

„Ich glaube, er ist bi. Jedenfalls findet er Brad Pitt cool, wenn wir uns einen Film ansehen.“ Ein junges Mädel im Bus.

„Er hat mich die ganze Zeit nie gefragt, ob ich mitkomme. Am Dienstag bin ich den ganzen Tag allein zu Hause gesessen, er hat auf keine SMS geantwortet. Erst um 23 Uhr hat er mir geschrieben, er sei am Pokern gewesen.“ Ebenfalls eine junge Frau, diesmal im Zug.

Frauen reden über Beziehungen. Manchmal über die Ernährung, manchmal über Schönheitstipps oder über ihre Arbeit, aber meiner Erfahrung nach dominieren Beziehungen. Ich halte dies in einem gewissen Ausmass für sinnvoll, es dient dem Stressabbau und dem Lösen aktueller Konflikte. Aber leider liegt es nicht in der menschlichen Natur, sich zu mässigen. Bei Gesprächen, die in einem privateren Rahmen stattfinden (und die ich bisher zum Glück selten belauschen musste), wandelt sich das Thema „Beziehungen“ zu simplem, aber überaus zynischem Klatsch. Da endet das weibliche Einfühlungsvermögen und zum Vorschein kommt eine überaus rachsüchtige und gehässige Seite der fraulichen Natur.

Männer reden über Autos. Über Computer. Über Fussball. Über das neuste Spielzeug. Über Sachfragen eben. Sie erfüllen auf ebenso grausame Weise ihr Klischee. Die Themen mögen vielfältiger wirken, aber in Wirklichkeit dienen sie nur einem Zweck: Ich bin. Ich habe. Ich kann. Der Mann im Nebenabteil will sich fünf Jahre Zeit nehmen, um seinen alten Opel (einen Oldtimer) auf Vordermann zu bringen. Er mag es nüchtern vortragen, aber ein gewisser prüfender Blick, ob denn der andere ihm den genügenden Respekt für dieses Unternehmen zollt – ja, dieser Blick ist nicht zu übersehen. Ein anderer berichtet, als Schiedsrichter der ersten Liga müsse man immer auf Abruf bereit sein – in der zweiten Liga hätte man bloss die beiden regelmässigen Spiele in der Woche. Er erzählt es mit einer Lässigkeit, dass man ihn bereits rauchend an einen Pfosten gelehnt sieht, die Sonnenbrille auf der Nasenspitze hängend.

Jaja, wir sind schon so in diese Denkrinnen eingefahren… Wir können gar nicht mehr anders, als all die üblen Klischees zu erfüllen. Ich höre mir gern die Beziehungsprobleme von Frauen an, spreche mit ihnen über Schönheitstipps, höre mir sogar die giftigen Bemerkungen über ihre Geschlechtsgenossinnen an. Das bereichert die eigene Lebenswelt. Aber ich bin enttäuscht, wenn ich im Gegenzug versuche, ein technisches Thema anzuschneiden – und die Dame zeigt keinerlei Interesse. Haben wir uns vom kreativen Forscherdrang tatsächlich so weit entfernt?

Wenn das tatsächlich so ist und so bleiben sollte, sehe ich für unsere Zukunft schwarz. Die Menschheit wird aussterben. Nicht wegen Umweltkatastrophen oder sonstigen Untergangsszenarien, die sich so wunderbar für Katastrophenfilme eignen.

Aus Langeweile.

2 Antworten zu “Frau, Mann und andere Katastrophen”

  1. Pendler sagt:

    Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Männer manchmal auch über Frauen reden. Das macht sie aber jetzt nicht zu Sachgegenständen, oder? ;-)

  2. backtalker sagt:

    Gewisse “Männer” mit einem gewissen IQ (Nähe des Gefrierpunktes) tendieren durchaus dazu, Frauen zu Sachgegegenständen zu machen. Nehmen wir die moderne Form des Neandertalers einmal aus, kommunizieren die Männer vermehrt auf eine sachliche Weise über Frauen. Sie sprechen nicht über ihre Beziehung zu einem weiblichen Wesen, sondern über ihr Verhalten, ihren Beruf, ihr Alter… Diese Aussagen basieren auf meinen eigenen Erlebnissen und nicht auf statistischen Werten. Solltest Du gegenteilige Erfahrungen gemacht haben, bin ich gespannt, sie zu hören.

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